Eine Studie von Wissenschaftler:innen der School of Communication Research der Universität Amsterdam untersuchte mehr als 210.000 Instagram-Direktnachrichten von rund 100 Jugendlichen der achten und neunten Klasse. Der Inhalt ihrer Direct Messages wurde analysiert, um festzustellen, ob die Teilnehmer:innen dort positive oder negative Gefühle äußerten. Die Studienteilnehmer:innen wurden auch gebeten, im Zwei-Wochen-Takt ein Dutzend Umfragen auszufüllen. Hier wurden sie dazu befragt, wie glücklich sie sich in den vorangegangenen sieben Tagen gefühlt haben.

Das Ergebnis: Teens versendeten viermal häufiger positive als negative beziehungsweise freudige statt traurige Inhalte in Direct Messages. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen den in den Direct Messages ausgedrückten Emotionen tatsächlich empfundenen Gefühlen, konnte nicht festgestellt werden. Tim Verbeij, einer der Co-Autor:innen der Studie, erklärt:

All the headlines you see in newspapers, and the stuff we’ve done previously, looks a lot at time spent on social media and not at the content you consume.

Inhalte statt Zeit: Diese Kriterien untersuchten die Forscher:innen im Rahmen der Social-Media-Studie

Die Studie diente Verbeij und seinen Kolleg:innen dazu, aufzuzeigen, welchen Inhalten Nutzer:innen in sozialen Medien tatsächlich begegnen, anstatt den Zusammenhang zwischen der auf einer Plattform verbrachten Zeit und dem Wohlbefinden zu präsentieren. Zum Teil könnten die laut Verbeij bemerkenswerten Ergebnisse auf den Zeitrahmen zurückzuführen sein, in dem das Experiment durchgeführt wurde. Denn ab November 2019 erstreckten sich die Umfragen über die Zeit in der Pandemie, in der häufig Ausgangssperren und weitere gesetzliche Verordnung galten. Das hatte zur Folge, dass einige Nutzer:innen Instagram und Co. als wichtige soziale Konstante wahrnahmen und sie dort aktiv online waren, um Verbindungen aufzubauen oder zu halten. Verbeij ergänzt:

In this case, Instagram might be very beneficial for them to express their happiness or when they’re sad, with their friends.

Trotzdem hatte Verbeij nicht damit gerechnet, dass Instagram positiv mit Wohlbefinden assoziiert werden könnte und erklärt vor dem Hintergrund der Ergebnisse:

I think [teenagers] are better at managing their social media use than we maybe expect. Of course they can spend a lot of time on social media and it can interrupt them doing their homework—but it also really helps them to communicate with their peers.

Müssen wir unsere Meinung darüber, welchen Einfluss soziale Medien auf Teenager haben, überdenken?

Die Ergebnisse sind eine bedeutende Ergänzung unseres Verständnisses, wie Teenager mit sozialen Medien interagieren – und auch mit ihrer eigenen Stimme im Internet. Tama Leaver, Professor für Internetstudien an der Curtin University in Australien und Co-Autor des Buches Instagram: Visual Social Media Cultures (Digital Media and Society), sagt:

This is an important paper in large part because it focuses on DMs via data donation of adolescents’ own archives which allows a meaningful window into non-public social media spaces of young people. Non-public spaces are less studied quantitively simply because access is harder to get, so the data donation model is an important way of opening those spaces to researchers.

Leaver glaubt auch, dass die Ergebnisse „ein nützliches Korrektiv für die allgemeine Meinung sind, dass die meisten sozialen Medien die meiste Zeit schlecht sind“. „Diese Arbeit deutet sicherlich darauf hin, dass dieser Social-Media-Raum weitgehend positiv ist“, ergänzt er. Laut einer Umfrage des Pew Research Centers schreibt die Mehrheit der befragten Jugendlichen Social-Plattformen die Vertiefung der Verbindungen und die Bereitstellung eines Unterstützungsnetzwerks zu. Nur ein überraschend geringer Anteil erkennt die negativen Auswirkungen und den Druck, die mit der Nutzung sozialer Medien einhergehen können, an. Unseren umfangreichen Artikel zu letzterer Studie kannst du auf OnlineMarketing.de nachlesen.

Die Feststellung, dass soziale Medien positive Effekte auf das Wohlbedinden von Teenagern haben könnten, widerspricht mehreren anderen Studien, einschließlich einer Analyse von Forscher:innen der Harvard University aus dem Jahr 2021. Laut dieser ging die Nutzung bestimmter Social-Media-Plattformen wie Snapchat, Facebook und TikTok der Verschlechterung depressiver Symptome bei mehr als 5.000 Nutzer:innen voraus.


Du möchtest wissen, wie man Menschen mit klassischen News via Social Media erreicht? Dich interessiert, was Publisher hinsichtlich der Gefahren im Zuge von Desinformation und Hassrede beachten sollten? Wir haben genau zu diesem Thema mit Irena Bauer, Head of Social Media News & Magazine bei der RTL Deutschland GmbH, in unserem Digital Bash Podcast gesprochen.

Andere Untersuchungen zeigen die negative Wirkung von sozialen Netzwerken auf

Im Jahr 2019 veröffentlichte die Fast Company einen Beitrag eines Soziologen mit dem Titel „Ja, Social Media macht dich unglücklich“ . Instagram kam vor allem nach den Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen unter Beschuss. Sie hatte interne Dokumente veröffentlicht, in denen deutlich wurde, dass Instagram um die schädlichen Auswirkungen der App auf junge User wusste – und diese billigend in Kauf nahm. Die entsprechende Untersuchung hat bereits dafür gesorgt, dass die Plattform das „Instagram for Kids“-Projekt auf Eis legte. Die US-Senatorinnen Amy Klobuchar der Demokratischen Partei und Cynthia Lummis der Republikanischen Partei fordern aktuell in einem parteiübergreifenden Gesetzesentwurf eine konsequentere Adressierung der Problematik Social-Media-Sucht. Der Entwurf sieht eine Untersuchung durch die National Science Foundation sowie die National Academy of Sciences, Engineering and Medicine vor. Neben solchen Studien, Bestrebungen und Meinungen gibt es auch zahlreiche konkrete Fälle, in denen soziale Netzwerke als Grund für Notlagen und Auslöser dramatischer Ereignisse betrachtet werden können.

Das Vereinigte Königreich debattiert derzeit etwa über ein Online-Sicherheitsgesetz, das in den vergangenen Monaten aufgrund einer Kampagne des Vaters von Molly Russell überarbeitet wurde. Molly Russel war eine britische 14-Jährige, die sich nach Ansicht eines Gerichtsmediziners im September umgebracht hat, weil sie schädliche Online-Inhalte konsumiert hat. Ihr wurden in den Wochen und Monaten vor ihrem Tod Inhalte zu Selbstverletzung, Depression und Selbstmord auf Instagram und Pinterest gezeigt.

Es gibt demnach eine Reihe von Menschen, die sozialen Medien eine negative Wirkung auf die Psyche und Gemütslage attestieren. Und es ist unbestreitbar, dass soziale Medien bei vielen Teenagern Ängste, Hass und Sorgen auslösen können, die Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und ihre Taten im alltäglichen Leben haben. Imran Ahmed, Chief Executive Officer des Center for Countering Digital Hate, einer gemeinnützigen Organisation, die sich auf soziale Medien und das Internet konzentriert, erklärt:

Online harms to children, like eating disorder content, self-harm, and suicide content, have real-world impacts on our communities.

Dennoch gehören soziale Medien inzwischen für viele zum Aufwachsen in einer digital vernetzten Welt dazu. Verbeij sagt:

For me personally, I would say that social media is really becoming part of normal emotional development for adolescents. Of course it can also be detrimental, but that’s how I look at it.

Demnach ist es umso wichtiger, dass Social Media sicherer für Teenager wird, das wird vor allem anhand von Molly Russels Fall deutlich.

Bestrebungen der sozialen Netzwerke um mehr Sicherheit auf den Plattformen

Einige große soziale Netzwerke sind bestrebt, potenziell schädliche Auswirkungen der Social-Media-Nutzung zu minimieren. Instagram erweiterte beispielsweise kürzlich diverse Sicherheitsfunktionen, um die User Experience positiver zu gestalten. Unter anderem führt die Plattform neue Pop-ups ein, die Nutzer:innen dazu animieren sollen, freundlicher zu interagieren. Zudem kannst du ab sofort alle bestehenden sowie folgenden Accounts eines Users, den du sperren möchtest, gleichzeitig blockieren. Facebook erweiterte kürzlich die Sicherheit für User unter 16 Jahren – mit Hinweisen auf restriktivere Datenschutzeinstellungen und der standardisierten „Privat“-Einstellung. Außerdem schränkt Meta seit Anfang des Jahres das Targeting für Teenager auf beiden Social-Networks ein. TikTok wiederum erhöhte kürzlich das Mindestalter für LIVE Hosts auf 18 Jahre.

Doch eine weitere Studie ergab, dass 32 Prozent der Minderjährigen in Großbritannien über ihr Alter lügen, um Inhalte für Erwachsene auf sozialen Netzwerken sehen zu können. Solche Erkenntnisse bestärken die Kritik an unzureichenden Maßnahmen großer Social-Plattformen im Bereich Child Safety. Denn auch wenn die niederländische Studie Instagram eine positive Wirkung auf Teenager attestiert und die Mehrheit der jüngeren User laut Umfrage des Pew Research Centers ihre Social-Erlebnisse in Hinsicht auf Verbindungen und Kommunikation als positiv bewertet – die potenziell schädlichen Auswirkungen und die Meinungen der übrigen Befragten, die angaben, überwiegend negative Erfahrungen gemacht zu haben, sollten Social-Plattformen Anlass genug geben, weiterhin an friedlicheren, positiveren und sichereren Social-Erlebnissen zu arbeiten.

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